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Warum Coaching glücklich macht

Von Norbert Lossau | Die Welt | Veröffentlicht am 26.05.2017 | Lesedauer: 8 Minuten

Viele Menschen haben das Gefühl, beruflich oder privat im Regen zu stehen. Oft kann ein guter Coach dabei helfen und einige Probleme klären

Quelle: Luciano Lozano /Getty Images/Ikon Images

Wer von teuren Coachingstunden profitieren will, muss Vertrauen zu seinem Coach haben und bereit sein, Schwächen zu offenbaren. Am Anfang steht eine Frage: Wie finde ich die richtige Person?

Coaching liegt im Trend. Es ist schick, einen persönlichen Berater zu haben, der einem in beruflichen oder privaten Fragen zur Seite steht. Ja, es ist mittlerweile sogar ein Statussymbol. Das ist nachvollziehbar: Schließlich bezahlt ein Unternehmen die teuren Coachingstunden nur solchen Mitarbeitern, die auf der Hierarchieleiter eine bestimmte Mindesthöhe erreicht haben. Die Stundensätze liegen in der Regel zwischen 100 und 300 Euro. Ist das die Sache wert?

Der häufigste Grund für die Aufnahme eines Coachings sind konkrete berufliche Konflikte. Es folgen Stressmanagement, Karriereoptimierung, Teamentwicklung und das Selbstmanagement. Aber auch Coaching bei privaten Problemen wird immer populärer.

Mithilfe von Methoden unter anderem aus der Psychologie und den Kommunikationswissenschaften, etwa spezieller Fragetechniken, ermöglichen Coachs dem Coachee die Selbstreflexion sowie Perspektivwechsel. Damit unterstützen sie ihn darin, selbst Lösungen für sein individuelles Problem zu finden.

Der Coach ist kein Expertenberater

„Darin liegt der wesentliche Unterschied zum Expertenberater, der konkrete Ratschläge aus seinem Wissensbereich gibt“, sagt Susanne Lübben, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Verbandes für Coaching und Training (DVCT). „Ein Coach muss fachlich nicht mehr als sein Coachee wissen. Ebendieser Umstand fördert häufig neue, unerwartete Perspektiven zutage.“

Damit dieser Prozess fruchtbar sein kann, sind Neutralität und Vertraulichkeit wichtige Voraussetzungen. „Der Coachee muss Vertrauen zu seinem Coach haben und Schwächen, auch vermeintliche, zeigen können“, sagt Lübben. „Die Chemie zwischen Coach und Klient muss stimmen, das ist der Kern.“

„Gutes Coaching ist für den Coachee intensiv und doch auch beglückend, wenn er die Lösung für sein Problem letztendlich selbst und ohne fremde Beeinflussung gefunden hat“, sagt der Hamburger Coach und Coachausbilder Rolf Meier. Die Anspannung löse sich auf, und Zufriedenheit kehre ein.

Figuren helfen bei der Darstellung einer Situation, die der Klient als schwierig empfindet

Quelle: Getty Images

„Die Leute gehen nicht selten mit leuchtenden Augen und vor Freude roten Wangen aus dem Coaching“, sagt Meier. Glückszustände gebe es aber immer nur für kurze Zeit. Was bleibe, sei eine „zufriedene, nachhaltige Selbstwirksamkeit“.

Es dürfte kaum einen Coach geben, der nicht vom Erfolg seiner Arbeit voll und ganz überzeugt wäre. Selbstbewusstsein gehört einfach zum Geschäft. „Es ist kein Zufall, dass es unter den Coachs viele narzisstische Persönlichkeiten gibt“, sagt Erik Lindner, der das Buch „Coachingwahn“ geschrieben und dafür umfangreiche Recherchen in der Szene angestellt hat.

Wie erfolgreich ein Coaching oder wie gut ein bestimmter Coach tatsächlich ist, lässt sich mit der Frage nach der Qualität eines Zahnarztes oder eines Rechtsanwalts vergleichen. Man kann es vorher nicht wissen und ist auf Empfehlungen Dritter angewiesen, die bereits eine gute oder schlechte Erfahrung gemacht haben. „Die Effizienz von Coaching ist jedenfalls objektiv nur schwer nachprüfbar“, sagt Lindner.

Die Bezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt

Beim Coaching ist die Problematik sogar noch größer als bei anderen freien Berufen. Die Berufsbezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt. Jeder kann sich so nennen. Es gibt bislang keinen verbindlichen Ausbildungsweg – anders als etwa bei Ärzten und Juristen.

Wer einen Coach sucht und dabei nicht auf die Erfahrungen der Personalabteilung eines großen Unternehmens zurückgreifen kann, hat die Qual der Wahl. Es gibt hierzulande 35 verschiedene Berufsverbände für Coachs, die alle ihr eigenes Verständnis davon haben, mit welcher Methodik die angestrebten Coachingziele am besten zu erreichen sind. Die Mitgliedszahlen sind klein, selbst der größte deutsche Coachingverband, der DVCT, hat nur rund 1400 Mitglieder.

Meier beklagt, dass sich seit rund einem Jahrzehnt zunehmend Fachfremde mit dem Titel „Coach“ schmücken – Leute, die sich vorher Berater oder Trainer, Supervisoren oder Therapeuten nannten. Vor einem Jahr sei er aus dem DVCT ausgetreten, weil er „nicht mehr mit der Qualität im Verband einverstanden“ war.

Schlachten um die Deutungshoheit von Coaching

Aber die Definition von Qualität ist offenbar genau das Problem der Branche. „Wir brauchen ein einheitliches Verständnis von Coaching“, sagt Meier und weiß doch selbst, wie unrealistisch so eine Forderung letztlich ist. „Es gibt Schlachten um die Deutungshoheit von Coaching“, berichtet er. Das ist verständlich, denn es geht um viel Geld in einem gleichwohl enger werdenden Markt.

„In den vergangenen zehn Jahren sind mehr Coachs ausgebildet worden, als angefragt werden“, weiß Lübben. Das sei auch eine Folge der Wirtschaftskrise gewesen. Coach zu werden sei vielen attraktiv erschienen. Doch nicht alle könnten davon leben. „Oft ist das Coaching ein Nebengeschäft“, sagt Lübben, „bei manchen bleiben die Kunden sogar ganz aus.“

„Seit 2008 ist die Zahl der von großen Unternehmen gebuchten Businesscoachings rückläufig“, sagt Lindner, „die Nachfrage stagniert somit im lukrativsten Bereich der Branche, und nur die Etablierten können sich dort halten.“

Ist Coaching ohne konkreten Anlass sinnvoll?

Als Indiz für das Ende des Booms sieht Lindner auch den von manchen Akteuren geäußerten Vorschlag, man solle Führungspersonen auch ohne konkreten Anlass coachen, gleichsam präventiv. „Wenn heute noch von Boom gesprochen wird, ist das eine werbliche Aussage“, so Lindner.

Susanne Lübben hält anlassloses Coaching nicht für sinnvoll: „Aber wenn jemand als Führungsperson ein Team neu übernimmt, kann ein Coaching auch ohne konkrete Problemlage hilfreich sein.“ Voraussetzung sei immer, dass ein konkretes Ziel des Coachings vereinbart werde.

Die zwei wichtigsten Methoden, mit denen Coachs arbeiten, sind das neurolinguistische Programmieren (NLP) – eine Technik, die aus der Psychotherapie entlehnt ist – und das systemische Coachen. Es gibt Schulen, die ganz auf die eine oder andere Technik setzen. Und es gibt beliebige Mischformen, angereichert mit anderen psychologischen Methoden oder gar esoterischen Ansätzen.

Auch beim Coaching gibt es einen Placeboeffekt

„Wir sind für alle seriösen und effektiven Praktiken offen“, sagt Lübben. „Das Beste aus mehreren wissenschaftlichen Bereichen zu wählen ist unser Konzept.“ Doch anderenorts gibt es eben auch den Schamanen, der mit seinem Klienten ums Feuer tanzt und ihn so auf den Weg des Erfolges bringen will.

„Wenn der Kunde damit zufrieden ist und es ihm etwas bringt, dann ist das halt so“, sagt Meier und stellt fest, dass es auch beim Coaching so etwas wie einen Placeboeffekt gibt. Aber das sei natürlich kein Freibrief für unseriöse Anbieter.

Wer keinen Tipp von der Personalabteilung oder einem Freund hat, für den ist die Suche des richtigen Coachs keine leichte Aufgabe. Im vergangenen Jahr hatte das Magazin „Focus“ die Idee, in Zusammenarbeit mit dem Portal Xing die besten Coachs in Deutschland zu ermitteln. Doch Lübben sieht dieses Projekt kritisch. Aus der Erhebung gehe weder hervor, welche Ausbildung die Coachs hätten, noch, ob sie durch einen Coachingverband zertifiziert seien.

Unter den 136.000 ausgewerteten Personen hätten sich auch Berufsgruppen befunden, die nicht als Coachs im engeren Sinne arbeiten. Im Juli 2016 erschien die Liste der „250 Top-Coachs“. „Auch wenn darunter sicherlich einige hervorragende Coachs sind, sorgt das Siegel nicht für Transparenz im Markt und ist für Kunden nicht hilfreich“, sagt Lübben. „Das Ganze ist eher ein Geschäftsmodell.“

Um es potenziellen Kunden einfacher zu machen, haben sich die 14 größten Coachingverbände zu einem Roundtable (www.roundtable-coaching.eu) zusammengeschlossen und ein gemeinsames Papier zu den Anforderungen an professionelles Coaching verfasst. Über die Suchmaschinen der angeschlossenen Verbände können professionelle Coachs gefunden werden.

Der Roundtable der Coachingverbände (RTC) repräsentiert mehr als 9500 Coachs, die nach professionellen und transparenten Verfahren anerkannt sind. Nimmt man die Coachs aus anderen Verbänden und die nicht organisierten hinzu, kommt man auf rund 40.000.

Neben Unterschieden in der Methodik gibt es beim Coaching auch sehr verschiedene Konzepte zur zeitlichen Struktur. Firmen, die für Mitarbeiter ein Coaching buchen und bezahlen, geben in aller Regel eine feste Zahl von Stunden vor – zum Beispiel acht Sitzungen. Dann ist Schluss.

Bei Vorständen großer Firmen oder den Chefs von mittelständischen Unternehmen soll es allerdings auch vorkommen, dass Coaching zu einem Dauerprojekt wird. So, wie man regelmäßig zum Friseur geht, steht hier der Termin beim Coach in festen Intervallen an.

„Hier gibt es das Risiko eines Suchtpotenzials oder eines Abhängigkeitsverhältnisses“, hat Erik Lindner bei seinen Recherchen ausgemacht. Manche Coachs versuchten, große Namen so lange wie möglich als Kunden zu behalten. Durchaus verständlich, denn schließlich zahlen Topmanager oder ihre Unternehmen überdurchschnittlich hohe Preise für das Coaching. Und für das Renommee und Selbstbewusstsein des Coachs ist es auch gut, solche Kunden zu haben.

Coaching an nur einem Tag

Das Zeitkonzept beim Coaching von Meier ist ganz anders als allgemein üblich: „Bei mir besteht das Coaching aus einem Ganztagstermin – von morgens bis abends.“ Er ist überzeugt, dass sich die Probleme an einem Tag lösen lassen. Ein Klient komme typischerweise erst nach zwei bis drei Jahren mit einem neuen Problem auf ihn zu – wenn überhaupt. „Die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit meines Coachingkonzepts ist in einer wissenschaftlichen Studie mit überdurchschnittlichen Werten bestätigt worden.“

Wer nicht Teil des Teams ist, verliert schnell die Motivation

Quelle: Getty Images/Image Source

Den im Roundtable organisierten Verbänden geht es auch darum, die Ausbildungsgänge für angehende Coachs zu normieren, damit entsprechende Studiengänge auch an den Hochschulen angeboten werden können. Ein Masterabschluss in Coaching – das wäre doch ein Gütesiegel, wie es sich der potenzielle Kunde nur wünschen kann. Doch bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.

„Es gibt viele gute Curricula der anerkannten Institute, aber es fehlt noch ein verbindliches einheitliches Curriculum“, stellt Lübben fest. „Daran arbeiten wir zurzeit. Die wesentlichen Inhalte einer guten Coachingausbildung werden zunehmend konkreter. “

„Coach zu sein ist eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit“, sagt Lindner. „Man kann sehr viel Positives bewirken, aber auch eine ganze Menge anrichten.“ In extrem seltenen Fällen könne, ähnlich wie bei psychotherapeutischen Prozessen, durch das Coaching sogar der Impuls zu einer Selbsttötung gegeben werden. Coaching muss nicht immer glücklich und erfolgreich machen. Es kann Türen öffnen, zu Klarheit und Optimierung – oder zum Ausstieg.

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